Risiko verstehen · Hebel & Margin

Margin Call: Was passiert und wie Sie ihn vermeiden

Ein Margin Call ist die Aufforderung des Brokers, Geld nachzuschießen oder Positionen zu verkleinern, weil das Eigenkapital im Konto unter die geforderte Mindestsicherheit (Maintenance Margin) gefallen ist. Er betrifft alle, die mit geliehenem Geld kaufen oder Positionen mit Sicherheitsleistung halten – etwa verkaufte Optionen, Futures oder CFDs.

Reagieren Sie nicht rechtzeitig, darf der Broker Ihre Positionen selbst glattstellen, oft ohne weitere Rückfrage und zu ungünstigen Kursen.

Von Daniel Berg ·

Was Margin ist: Sicherheitsleistung, nicht Gebühr

Margin ist das Eigenkapital, das Sie als Sicherheit hinterlegen müssen, wenn Sie Positionen eingehen, die größer sind als Ihr Bargeld oder bei denen Verluste über den Einsatz hinausgehen können. Der Begriff wird in zwei Situationen verwendet, die man auseinanderhalten sollte.

Kauf auf Kredit

Sie kaufen Aktien teilweise mit Geld vom Broker. Die Wertpapiere dienen als Sicherheit für den Kredit. In den USA heißt das Margin-Konto, bei deutschen Banken spricht man oft vom Wertpapier- oder Lombardkredit mit einem Beleihungswert je Wertpapier.

Sicherheit für Verpflichtungen

Bei verkauften Optionen, Futures oder CFDs leihen Sie sich kein Geld, gehen aber eine Verpflichtung ein. Der Broker blockiert dafür Margin. Mehr zur Pflicht des Stillhalters im Guide zur Ausübung und Zuteilung.

Initial und Maintenance

Die Initial Margin brauchen Sie zum Eröffnen einer Position. Die Maintenance Margin ist die Untergrenze, die während der Haltedauer nicht unterschritten werden darf. Sie liegt meist niedriger als die Initial Margin.

Ein Beispiel für feste Regeln sind die USA: Dort dürfen Privatanleger Aktien nach Regulation T mit höchstens 50 % Kredit kaufen, und die Mindest-Maintenance-Margin für Long-Aktienpositionen liegt nach den FINRA-Regeln bei 25 % des Marktwerts. Viele Broker verlangen mehr – sogenannte House Requirements von 30 % oder höher, bei volatilen Werten deutlich mehr. Europäische Broker und Banken legen eigene Sätze je Wertpapier fest.

Wie ein Margin Call entsteht – Schritt für Schritt

Der Mechanismus ist reine Arithmetik. Ihr Kredit bleibt gleich, wenn die Kurse fallen. Jeder Verlust geht daher vollständig zulasten Ihres Eigenkapitals, und der Anteil des Eigenkapitals am Depotwert schrumpft schneller als der Depotwert selbst.

Rechenbeispiel · illustrativ, keine Marktdaten

10.000 € Eigenkapital, 10.000 € Kredit, Maintenance Margin 25 %
Kauf von Aktien für
20.000 €
Eigenkapital zu Beginn
10.000 € (50 %)
Schwelle für den Margin Call (10.000 € ÷ 0,75)
ca. 13.333 € Depotwert
Kursrückgang bis zur Schwelle
ca. −33 %
Depotwert fällt auf
13.000 €
Eigenkapital jetzt (13.000 € − 10.000 €)
3.000 € (ca. 23 %)
Gefordert: 25 % von 13.000 €
3.250 €
Fehlbetrag (Margin Call)
250 € einzahlen

Der Kurs ist um 35 % gefallen, Ihr Eigenkapital aber um 70 %: Das ist die Hebelwirkung des Kredits. Ohne Kredit hätten Sie mit 10.000 € nur 3.500 € verloren.

Statt einzuzahlen, können Sie auch verkaufen. Dann sinken Kredit und Depotwert gleichzeitig, Ihr Eigenkapital bleibt bei 3.000 €. Um wieder auf 25 % zu kommen, müssten Sie Aktien für rund 1.000 € verkaufen (Depotwert 12.000 €, Kredit 9.000 €). Verkaufen braucht also ein Vielfaches des Fehlbetrags.

Die Faustformel für die Auslöseschwelle lautet: Depotwert beim Margin Call = Kredit ÷ (1 − Maintenance-Satz). Je höher der Kreditanteil und je höher der Maintenance-Satz, desto kleiner ist der Kursrückgang, den Ihr Konto aushält.

Was der Broker bei einem Margin Call tut

Viele stellen sich einen Anruf vor, in dem der Broker freundlich um Nachschuss bittet. Den gibt es mitunter, verlassen sollten Sie sich darauf nicht. Entscheidend ist, was in Ihrem Kontovertrag steht.

  • Nachforderung mit Frist

    Klassisch erhalten Sie eine Mitteilung mit einer Frist, den Fehlbetrag auszugleichen. Die Frist ist oft kurz, manchmal nur bis zum nächsten Handelstag.

  • Automatische Glattstellung

    Viele Online-Broker berechnen die Margin laufend und schließen Positionen automatisch, sobald die Anforderung unterschritten ist – teils ohne vorherige Nachricht, auch innerhalb des Handelstags.

  • Der Broker wählt aus

    In der Regel bestimmt der Broker, welche Positionen er schließt und zu welchem Zeitpunkt. Das ist selten die Auswahl, die Sie selbst getroffen hätten.

  • Verluste über das Konto hinaus

    Fällt der Erlös der Glattstellung niedriger aus als der Kredit, etwa nach einer Kurslücke über Nacht, bleibt ein negativer Saldo. Bei Margin-Konten für Aktien und Optionen haften Sie dafür in der Regel. Eine gesetzliche Nachschussfreiheit gibt es für Privatkunden bei CFDs, nicht allgemein.

Der Teufelskreis im Markt

Wenn viele Anleger gleichzeitig auf Kredit investiert sind, können Zwangsverkäufe einen Kursrückgang verstärken: Fallende Kurse lösen Margin Calls aus, die daraus folgenden Verkäufe drücken die Kurse weiter, was neue Margin Calls auslöst. Deshalb beobachten Marktbeobachter die gesamte Kreditaufnahme gegen Wertpapiere (Margin Debt) als Stimmungs- und Risikoindikator. Ein hoher Wert sagt allerdings nichts über den Zeitpunkt einer Korrektur aus.

Margin bei Optionen: Short Puts und ungedeckte Positionen

Wer Optionen kauft, zahlt die Prämie vollständig und braucht keine Margin; mehr als den Einsatz kann er nicht verlieren. Margin wird fällig, sobald Sie Optionen verkaufen und kein Gegenstück halten – etwa beim ungedeckten Put oder Call. Beim Cash Secured Put hinterlegen Sie dagegen den vollen Kaufbetrag, ein Margin Call ist dann ausgeschlossen.

Die Margin für verkaufte Optionen ist nicht fest, sondern steigt, wenn sich der Markt gegen Sie bewegt. Börsen und Broker berechnen sie risikobasiert, an der Eurex etwa mit einem eigenen Risikomodell. Zum Verständnis hilft eine verbreitete US-Standardformel für ungedeckte Aktienoptionen: Prämie plus 20 % des Aktienwerts, abzüglich des Betrags, um den die Option aus dem Geld liegt, mindestens aber Prämie plus 10 % des Strikes (beim Put).

Rechenbeispiel · illustrativ, keine Marktdaten

Ungedeckter Put, Strike 100 $, vereinfachte US-Standardformel
Aktie bei Eröffnung
110 $
Erhaltene Prämie (1 Kontrakt = 100 Aktien)
2 $ × 100 = 200 $
Margin: 200 $ + 20 % × 11.000 $ − 1.000 $ aus dem Geld
1.400 $
Aktie fällt auf
90 $
Put-Preis jetzt (angenommen)
12 $ × 100 = 1.200 $
Margin: 1.200 $ + 20 % × 9.000 $
3.000 $

Die geforderte Sicherheit hat sich mehr als verdoppelt, während gleichzeitig ein Buchverlust von 1.000 $ entstanden ist. Steigt in solchen Phasen auch die implizite Volatilität, wird der Put noch teurer und die Margin steigt weiter. Wer sein Konto mit verkauften Puts voll ausgelastet hat, bekommt genau dann einen Margin Call, wenn die Kurse am ungünstigsten sind.

Ihr Broker kann deutlich strengere Sätze verlangen. Die Rechnung zeigt das Prinzip, nicht die Anforderung eines bestimmten Brokers.

Bei einer Zuteilung kommt ein zweiter Effekt hinzu: Wird ein ungedeckter Put zugeteilt, kaufen Sie 100 Aktien je Kontrakt zum Strike. Reicht das Bargeld nicht, entsteht daraus ein Kredit – und mit ihm die Margin-Rechnung von oben. Warum die implizite Volatilität dabei so stark mitspielt, erklärt unser IV-Guide.

Sonderfall CFDs in der EU: die 50-%-Glattstellungsregel

Für Privatkunden, die CFDs handeln, gelten in der EU seit 2018 einheitliche Schutzregeln der Wertpapieraufsicht ESMA, die von den nationalen Aufsehern wie der BaFin übernommen wurden. Drei davon betreffen die Margin direkt.

  • Glattstellungsregel: Der Anbieter muss eine oder mehrere offene CFD-Positionen schließen, sobald das Kontokapital auf 50 % der für diese Positionen erforderlichen Mindest-Margin fällt. Die Regel gilt pro Konto.
  • Hebelgrenzen: Die Erstmargin ist je nach Basiswert vorgeschrieben, zum Beispiel 30:1 für wichtige Währungspaare, 20:1 für wichtige Aktienindizes, Gold und andere Währungspaare, 10:1 für übrige Rohstoffe und Indizes, 5:1 für Einzelaktien und 2:1 für Kryptowerte.
  • Negativsaldo-Schutz: Privatkunden können mit CFDs nicht mehr verlieren als das Geld auf ihrem CFD-Konto.

Diese Regeln gelten für CFDs bei Privatkunden, nicht für Margin-Konten mit Aktien und Optionen. Wer professioneller Kunde ist, verliert einen Teil dieses Schutzes. Einen Überblick über die Aufsicht gibt unser Guide zu BaFin, ESMA und Anlegerschutz.

So vermeiden Sie einen Margin Call

  1. 01

    Hebel bewusst klein halten

    Nutzen Sie den verfügbaren Kreditrahmen nicht aus. Wer nur einen kleinen Teil beleiht, verschiebt die Auslöseschwelle weit nach unten.

  2. 02

    Einen Puffer einplanen

    Halten Sie freies Kapital über der Maintenance Margin. Rechnen Sie vorher durch, bei welchem Kurs Ihr Konto die Schwelle erreicht.

  3. 03

    Definiertes Risiko statt ungedeckter Optionen

    Ein Credit Spread begrenzt den maximalen Verlust und damit auch die Margin. Die Anforderung steigt nicht mit, wenn der Markt sich gegen Sie bewegt.

  4. 04

    Positionen und Klumpen begrenzen

    Viele Positionen auf denselben Markt fallen gemeinsam. Regeln zur Positionsgröße finden Sie im Guide zum Risikomanagement im Optionshandel.

  5. 05

    Warnungen einrichten

    Die meisten Plattformen zeigen die Überschussliquidität an und können bei Unterschreiten einer Grenze warnen. Prüfen Sie diese Zahl vor Ereignissen wie Quartalszahlen oder Notenbankterminen.

  6. 06

    Selbst handeln, bevor der Broker es tut

    Wenn die Schwelle näher rückt, reduzieren Sie selbst – zu Ihren Bedingungen und in der Reihenfolge, die zu Ihrer Strategie passt.

Häufige Irrtümer über Margin Calls

  • „Ich bekomme vorher immer eine Frist.“

    Nicht unbedingt. Viele Broker stellen automatisch glatt, sobald die Anforderung unterschritten ist. Lesen Sie die Bedingungen Ihres Kontos.

  • „Mehr als mein Konto kann ich nicht verlieren.“

    Bei CFDs für Privatkunden in der EU stimmt das dank Negativsaldo-Schutz. Bei Margin-Konten mit Aktien und ungedeckten Optionen kann ein negativer Saldo entstehen, für den Sie haften.

  • „Margin Calls betreffen nur Profis.“

    Jeder, der einen Kreditrahmen nutzt oder Optionen ungedeckt verkauft, kann einen Margin Call erhalten. Gerade kleine Konten mit hoher Auslastung sind betroffen.

Häufige Fragen

Was ist ein Margin Call einfach erklärt?

Ein Margin Call ist die Aufforderung Ihres Brokers, Geld nachzuschießen oder Positionen zu verkleinern, weil Ihr Eigenkapital im Konto unter die geforderte Mindestsicherheit gefallen ist. Gleichen Sie den Fehlbetrag nicht aus, kann der Broker Positionen selbst schließen.

Wie viel Zeit habe ich bei einem Margin Call?

Das regelt Ihr Kontovertrag. Manche Broker setzen eine kurze Frist, oft bis zum nächsten Handelstag. Viele Online-Broker schließen Positionen aber automatisch und sofort, sobald die Anforderung unterschritten ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass Sie eine Frist bekommen.

Kann ich bei einem Margin Call mehr verlieren als mein Konto?

Ja, bei Margin-Konten mit Aktien und ungedeckten Optionen. Fällt der Erlös der Glattstellung niedriger aus als der Kredit, etwa nach einer Kurslücke, bleibt ein negativer Saldo, für den Sie haften. Bei CFDs sind Privatkunden in der EU durch den Negativsaldo-Schutz abgesichert.

Was ist der Unterschied zwischen Initial Margin und Maintenance Margin?

Die Initial Margin ist die Sicherheit, die Sie beim Eröffnen einer Position hinterlegen müssen. Die Maintenance Margin ist die Untergrenze, die während der Haltedauer nicht unterschritten werden darf. Fällt das Eigenkapital darunter, kommt es zum Margin Call.

Brauche ich Margin, um Optionen zu kaufen?

Nein. Gekaufte Optionen zahlen Sie vollständig mit der Prämie, mehr als diesen Einsatz können Sie nicht verlieren. Margin brauchen Sie erst, wenn Sie Optionen verkaufen, ohne die Aktien oder den vollen Kaufbetrag als Deckung zu halten.

Was bedeutet die 50-%-Regel bei CFDs?

Nach den ESMA-Regeln für Privatkunden muss ein CFD-Anbieter offene Positionen schließen, sobald das Kontokapital auf 50 % der erforderlichen Mindest-Margin für diese Positionen fällt. Die Regel gilt pro Konto und soll verhindern, dass Verluste weiter auflaufen.

Wie berechne ich, wann mein Konto einen Margin Call bekommt?

Bei einem Wertpapierkredit gilt näherungsweise: Depotwert beim Margin Call = Kredit geteilt durch (1 minus Maintenance-Satz). Bei 10.000 € Kredit und 25 % Maintenance Margin liegt die Schwelle bei rund 13.333 € Depotwert. Bei Optionen hängt die Anforderung vom Risikomodell Ihres Brokers ab.

Quellen und Einordnung

Alle Beträge in den Rechenbeispielen sind runde, fiktive Lernwerte. Die Margin-Sätze Ihres Brokers können abweichen; maßgeblich sind immer Ihre Kontobedingungen. Regeln und Grenzwerte orientieren sich an den folgenden Primärquellen, einige davon englischsprachig. Dieser Guide dient der Bildung und ist keine Anlageberatung.