Märkte verstehen · Zinsen & Anleihen

Anleihekurse und Zinsen: Warum Anleihen fallen, wenn die Zinsen steigen

Eine bereits ausgegebene Anleihe zahlt einen festen Kupon. Steigen die Marktzinsen, bekommen Anleger bei neuen Anleihen mehr – die alte Anleihe ist nur noch zu einem niedrigeren Kurs verkäuflich, bis ihre Rendite mit dem neuen Zinsniveau mithalten kann. Kurs und Rendite bewegen sich deshalb immer gegenläufig.

Wie stark der Kurs fällt, hängt vor allem von der Restlaufzeit ab: Je länger eine Anleihe läuft, desto empfindlicher reagiert sie. Dieses Maß heißt Duration.

Von Sofia ·

Der Mechanismus: fester Kupon, beweglicher Kurs

Eine Anleihe ist ein Kredit, den Sie einem Staat oder Unternehmen geben. Dafür erhalten Sie jedes Jahr einen festen Zins, den Kupon, und am Ende der Laufzeit den Nennwert zurück. Kupon und Rückzahlung stehen bei Ausgabe fest. Was sich danach täglich ändert, ist der Preis, zu dem die Anleihe an der Börse gehandelt wird.

Angenommen, Sie halten eine Anleihe mit 2 % Kupon. Nun steigt das Zinsniveau, und vergleichbare neue Anleihen zahlen 4 %. Kein Käufer zahlt für Ihre 2-%-Anleihe noch den vollen Nennwert, wenn er für dasselbe Geld 4 % bekommen kann. Verkäuflich ist sie nur mit einem Abschlag – und zwar genau so weit, dass der Käufer über die Restlaufzeit insgesamt ebenfalls auf rund 4 % pro Jahr kommt: aus dem niedrigen Kupon plus dem Kursgewinn bis zur Rückzahlung zum Nennwert.

Kupon

Fester Zins, bezogen auf den Nennwert. Er ändert sich während der Laufzeit nicht (bei klassischen festverzinslichen Anleihen).

Rendite

Die Verzinsung, die ein Käufer zum aktuellen Kurs bis zur Fälligkeit erzielt. Sie bewegt sich mit dem Markt und ist die Zahl, die in Nachrichten als „Zins“ einer Staatsanleihe genannt wird.

Kurs

Der Preis in Prozent des Nennwerts. Er ist die Stellschraube, über die sich die Rendite einer alten Anleihe an das neue Zinsniveau anpasst.

Der Zusammenhang gilt in beide Richtungen. Fallen die Marktzinsen, wird der feste Kupon einer alten Anleihe attraktiver, und ihr Kurs steigt über den Nennwert. Deshalb gewinnen Anleihen in Phasen sinkender Zinsen.

Rechenbeispiel: Was ein Zinsanstieg von 2 % auf 4 % kostet

Der faire Kurs einer Anleihe ist die Summe aller künftigen Zahlungen, abgezinst mit der aktuellen Marktrendite. Steigt die Rendite, werden alle künftigen Zahlungen stärker abgezinst und der Kurs sinkt.

Rechenbeispiel · illustrativ, keine Marktdaten

Anleihe mit 1.000 € Nennwert, 2 % Kupon, 10 Jahre Restlaufzeit
Jährlicher Kupon
20 €
Kurs bei Marktrendite 2 %
1.000 €
Barwert der zehn Kupons bei 4 %
ca. 162 €
Barwert der Rückzahlung bei 4 % (1.000 € ÷ 1,04¹⁰)
ca. 676 €
Neuer Kurs bei Marktrendite 4 %
ca. 838 €
Kursveränderung
ca. −16 %

Ein Käufer zahlt jetzt rund 838 € und erhält weiterhin 20 € pro Jahr sowie am Ende 1.000 €. Der niedrige Kupon plus der Kursgewinn von rund 162 € bis zur Fälligkeit ergeben zusammen etwa 4 % Rendite pro Jahr – genau das neue Marktniveau.

Kursänderung einer Anleihe mit 2 % Kupon bei steigender Marktrendite (gerundet, illustrativ)
RestlaufzeitRendite 2 % → 3 %Rendite 2 % → 4 %
2 Jahreca. −2 %ca. −4 %
10 Jahreca. −9 %ca. −16 %
30 Jahreca. −20 %ca. −35 %

Die Tabelle zeigt den wichtigsten Punkt: Derselbe Zinsanstieg trifft eine 30-jährige Anleihe fast zehnmal so hart wie eine zweijährige. Kurz laufende Anleihen sind deshalb deutlich weniger schwankungsanfällig – zahlen aber oft auch weniger Rendite.

Duration: das Maß für das Zinsänderungsrisiko

Die Duration fasst in einer Zahl zusammen, wie empfindlich eine Anleihe auf Zinsänderungen reagiert. Die modifizierte Duration gibt näherungsweise an, um wie viel Prozent sich der Kurs ändert, wenn die Rendite um einen Prozentpunkt steigt oder fällt.

  • Faustformel: Kursänderung in % ≈ −modifizierte Duration × Renditeänderung in Prozentpunkten.
  • Unsere 10-jährige 2-%-Anleihe hat eine modifizierte Duration von knapp 9. Ein Prozentpunkt mehr Rendite kostet also rund 9 % Kurs.
  • Je länger die Laufzeit und je niedriger der Kupon, desto höher die Duration. Eine Nullkupon-Anleihe hat die höchste Duration bei gegebener Laufzeit.
  • Die Faustformel ist eine lineare Näherung. Bei großen Zinsänderungen fällt der Kurs etwas weniger stark und steigt etwas stärker als berechnet. Diese Krümmung heißt Konvexität.

Fonds und ETFs haben auch eine Duration

Anleihefonds und Anleihe-ETFs weisen ihre durchschnittliche Duration im Factsheet aus. Ein ETF auf lange Staatsanleihen mit einer Duration von rund 17 verliert bei einem Prozentpunkt Zinsanstieg nach der Faustregel etwa 17 % – ein Risiko, das viele beim Stichwort „sichere Anleihe“ unterschätzen.

Bis zur Fälligkeit halten: Ist der Verlust dann weg?

Halten Sie eine einzelne Anleihe bis zum Ende, bekommen Sie den Nennwert zurück – vorausgesetzt, der Schuldner zahlt. Der zwischenzeitliche Kursverlust verschwindet dann, weil der Kurs zur Fälligkeit wieder zum Nennwert zurückläuft. Wirtschaftlich ist er trotzdem real: Sie haben jahrelang 2 % bekommen, während der Markt 4 % bot. Der Kursrückgang macht diese entgangenen Zinsen nur sofort sichtbar.

Wer vor Fälligkeit verkaufen muss, realisiert den Verlust tatsächlich. Bei Anleihefonds und ETFs gibt es keinen festen Fälligkeitstag, weil sie auslaufende Anleihen laufend durch neue ersetzen. Dafür investieren sie Kupons und Rückzahlungen zu den nun höheren Renditen. Als grobe Faustregel gleichen die höheren Erträge einen einmaligen Zinsanstieg über einen Zeitraum von etwa der Duration aus – bei weiteren Zinsänderungen verschiebt sich diese Rechnung.

Warum Anleihen fallen können, obwohl die Zinsen „schon hoch“ sind

Für den Kurs zählt nicht das Zinsniveau, sondern die Veränderung der Rendite seit dem Kauf. Wer eine lange Anleihe in einer Niedrigzinsphase gekauft hat, verliert, solange die Renditen weiter steigen – auch wenn sie schon höher sind als früher. Hinzu kommt: Notenbanken steuern vor allem die kurzen Zinsen. Lange Renditen bilden sich am Markt und können steigen, selbst wenn die Notenbank die Leitzinsen hält oder senkt, etwa weil Anleger höhere Inflation erwarten, mehr Staatsanleihen auf den Markt kommen oder eine höhere Prämie für lange Laufzeiten verlangen.

Die Zinskurve: kurze und lange Zinsen

Die Zinskurve zeigt die Renditen von Anleihen desselben Schuldners, meist eines Staates, über verschiedene Laufzeiten. Ihre Form verrät, was der Markt über Leitzinsen, Wachstum und Inflation erwartet.

Normal (steigend)

Lange Laufzeiten rentieren höher als kurze. Anleger verlangen einen Aufschlag dafür, ihr Geld länger zu binden. Das ist der übliche Zustand.

Flach

Kurze und lange Renditen liegen nah beieinander. Oft ein Übergangszustand, wenn Notenbanken die Leitzinsen anheben oder der Markt Zinssenkungen erwartet.

Invers

Kurze Laufzeiten rentieren höher als lange. Der Markt erwartet sinkende Leitzinsen, häufig wegen einer schwächeren Konjunktur. In den USA ging eine inverse Kurve in der Vergangenheit oft Rezessionen voraus, als Zeitgeber ist sie aber unzuverlässig.

Neben der Laufzeit bestimmt die Bonität des Schuldners die Rendite. Unternehmensanleihen zahlen einen Risikoaufschlag gegenüber Staatsanleihen. Dieser Aufschlag kann in Krisen steigen und ihre Kurse zusätzlich drücken – ein eigenes Risiko neben dem Zinsänderungsrisiko.

Was steigende Renditen für Aktien und Optionen bedeuten

Anleiherenditen sind der Maßstab, an dem sich alle anderen Anlagen messen lassen müssen. Steigen sie, wirkt das auf zwei Wegen auf Aktien: Sichere Alternativen werden attraktiver, und künftige Gewinne werden mit einem höheren Zins abgezinst und sind heute weniger wert. Mehr dazu im Guide Was bewegt Aktienkurse?.

Besonders empfindlich reagieren Wachstumsaktien, deren erwartete Gewinne weit in der Zukunft liegen. Sie verhalten sich ähnlich wie lang laufende Anleihen mit hoher Duration: Ein großer Teil ihres heutigen Werts hängt am Abzinsungssatz. Unternehmen mit hohen laufenden Gewinnen und Ausschüttungen sind meist weniger betroffen, Dividendenwerte konkurrieren dafür direkt mit gestiegenen Anleiherenditen.

Rho: die Zinsempfindlichkeit von Optionen

Bei Optionen misst Rho, wie stark sich der Preis ändert, wenn der risikolose Zins um einen Prozentpunkt steigt. Calls haben ein positives Rho, Puts ein negatives: Höhere Zinsen machen Calls etwas teurer und Puts etwas günstiger, weil das Halten von Bargeld statt Aktien mehr Zinsen bringt. Wie Rho neben Delta, Gamma, Theta und Vega einzuordnen ist, zeigt der Guide Die Greeks erklärt.

Rechenbeispiel · illustrativ, keine Marktdaten

Zwei Calls am Geld auf eine Aktie bei 100 €, Zinsanstieg um einen Prozentpunkt
Call mit 1 Monat Laufzeit, angenommenes Rho
ca. 0,04
Preiseffekt je Kontrakt (100 Aktien)
ca. +4 €
Call mit 1 Jahr Laufzeit, angenommenes Rho
ca. 0,45
Preiseffekt je Kontrakt (100 Aktien)
ca. +45 €

Bei kurz laufenden Optionen ist Rho meist vernachlässigbar; Kursbewegung und Volatilität dominieren. Bei lang laufenden Optionen wie LEAPS wird es spürbar. In der Praxis wirkt ein Zinsanstieg zudem indirekt über den Aktienkurs und die implizite Volatilität – oft viel stärker als über Rho selbst.

Zinsentscheidungen der Notenbanken und Inflationsdaten sind deshalb auch für Optionshändler Termine mit erhöhter Schwankung. Wie sich erwartete Schwankungen im Optionspreis niederschlagen, erklärt der IV-Guide. Wie Zinsen Wechselkurse bewegen, lesen Sie unter Was bewegt Wechselkurse?.

Drei Irrtümer über Anleihen und Zinsen

  • „Anleihen sind risikolos.“

    Gute Staatsanleihen haben ein geringes Ausfallrisiko, aber ein echtes Zinsänderungsrisiko. Lange Laufzeiten können in wenigen Monaten zweistellig an Wert verlieren.

  • „Höhere Zinsen sind gut für meine Anleihen.“

    Für bestehende Anleihen ist ein Zinsanstieg zunächst ein Kursverlust. Gut ist er für neu angelegtes Geld und für Kupons, die zu höheren Renditen wieder angelegt werden.

  • „Wenn die Notenbank die Zinsen senkt, steigen alle Anleihen.“

    Leitzinssenkungen wirken vor allem auf kurze Laufzeiten. Lange Renditen können trotzdem steigen, wenn der Markt höhere Inflation oder mehr Staatsverschuldung erwartet.

Häufige Fragen

Warum fallen Anleihekurse, wenn die Zinsen steigen?

Weil der Kupon einer bestehenden Anleihe fest ist. Bieten neue Anleihen höhere Zinsen, kauft niemand die alte Anleihe zum vollen Preis. Ihr Kurs sinkt so weit, bis ihre Rendite bis zur Fälligkeit dem neuen Zinsniveau entspricht.

Wie stark fällt eine Anleihe bei einem Zinsanstieg?

Das zeigt die modifizierte Duration. Als Faustregel gilt: Kursänderung in Prozent ist ungefähr minus Duration mal Renditeänderung in Prozentpunkten. Eine Anleihe mit einer Duration von 9 verliert bei einem Prozentpunkt Zinsanstieg rund 9 %.

Verliere ich Geld, wenn ich die Anleihe bis zur Fälligkeit halte?

Zahlt der Schuldner, erhalten Sie am Ende den Nennwert zurück, und der zwischenzeitliche Kursverlust verschwindet. Wirtschaftlich haben Sie trotzdem weniger verdient als mit einer neuen, höher verzinsten Anleihe. Wer vorher verkaufen muss, realisiert den Kursverlust.

Gilt das auch für Anleihe-ETFs?

Ja. Anleihe-ETFs fallen bei steigenden Renditen entsprechend ihrer durchschnittlichen Duration, die im Factsheet steht. Weil sie keinen festen Fälligkeitstag haben, holen sie den Verlust über die Zeit nur durch die höheren Erträge der neu gekauften Anleihen auf.

Welche Anleihen sind weniger zinsempfindlich?

Anleihen mit kurzer Restlaufzeit und hohem Kupon haben eine niedrige Duration und schwanken weniger. Variabel verzinste Anleihen passen ihren Kupon regelmäßig an und sind kaum zinsempfindlich. Dafür bieten kurze Laufzeiten oft eine niedrigere Rendite.

Warum fallen Wachstumsaktien, wenn die Renditen steigen?

Ihr Wert hängt stark an Gewinnen, die weit in der Zukunft erwartet werden. Werden diese mit einem höheren Zins abgezinst, sinkt ihr heutiger Wert deutlich. Wachstumsaktien verhalten sich deshalb ähnlich wie Anleihen mit langer Duration.

Wie wirken sich Zinsen auf Optionspreise aus?

Direkt über Rho: Steigende Zinsen machen Calls etwas teurer und Puts etwas günstiger. Bei kurz laufenden Optionen ist der Effekt klein, bei lang laufenden deutlich spürbarer. Indirekt wirken Zinsänderungen über Aktienkurs und implizite Volatilität meist stärker.

Quellen und Einordnung

Die Rechenbeispiele verwenden runde, fiktive Werte und vereinfachte Annahmen (jährliche Kupons, keine Kosten, kein Ausfall); sie zeigen den Mechanismus, keine Marktdaten. Dieser Guide dient der Bildung und ist keine Anlageberatung.